GAY CH MAGAZINE

LUIS PESTANA
PORTFOLIO DIRK H. WILMS

Luis Pestana: Kannst du dich an den Moment erinnern, als deine Idee zu diesen Selbstportraits entstanden ist? Oder war es ein Prozess bis zur ausgereiften Idee?

 

Dirk: Die Idee, mein Leben fotografisch zu dokumentieren ist kurz nach meiner HIV Diagnose im Jahr 2001 entstanden. Von meinen Freunden hatte ich mir Zuspruch und Trost erhofft, aber mein damaliges Umfeld hatte sich so dämlich angestellt wie es nur möglich war. Die meisten Menschen können anscheinend mit Dingen, die sie nicht verstehen, nicht leben. Für die meisten war es damals bequemer, mich fallen zu lassen. Ich glaube, die unerwartete Ablehnung die mir damals entgegenschlug, diese Momente der Sprachlosigkeit gegenüber einer Welt, die mich nicht mehr wollte, haben bewirkt, dass ich mich mit der Infektion, damals wie heute, künstlerisch in Form meiner Selbstportraits, auseinandersetze. Ich will, dass man nach meinem Tod weiß, ich war hier.

 

 

Luis: Manchmal muss man es schaffen, auch aus den schweren Zeiten, etwas Positives herauszupicken. Kannst du dein Foto-Projekt in etwa in dieser Art von Lebenseinstellung einordnen?

 

Dirk: Ja, absolut. Als mein HIV Test positiv ausfiel, verschlug es meine Gedanken augenblicklich in eine Art düsteren Selbstmordmodus. Ich dachte, das war’s dann wohl. Es ist schon ein bisschen kurios aber ich erinnere mich sehr genau, dass ich an einem Tag überlegte, von welcher Brücke ich springe und am nächsten einen kreativen Ausbruch unbekannter Dimension erlebte. Es ist nicht ganz abwegig, zu behaupten, dass das Fotoprojekt mir das Leben gerettet hat.

 

 

Luis: War für dich von Anfang an klar, dass du dein Gesicht verdecken möchtest, und aus welchem Grund hast du dich für diese Umsetzung entschieden?

 

Dirk: Nein, die ersten Fotografien zeigen mein unverdecktes Gesicht, krank und angstvoll wie es damals eben aussah. Die Fotos aus den Anfängen sehen aus, wie einem Arzt aus der Krankenakte gefallen. Der HI-Virus hat meinem Gesicht von Anfang an übel mitgespielt und das bewirkt, dass die Leute mich wie eine Jahrmarktsattraktion unverhohlen anstarren, auch heute passiert das noch. Die Lipodystrophie in meinem Gesicht geht leider nicht mehr weg. Dadurch ist die Idee mit dem Verdecken entstanden. Heute ist es mein stilistisches Mittel, meine Basis, vielleicht sogar der Kern meiner Arbeit.

 

 

Luis: Indem du dein Gesicht mit all den Masken und Objekten verdeckst, stellst du automatisch dein Körper in den Fokus. Kokettierst du damit, dass man heute die Krankheit, im Gegensatz zu den Anfängen, so an einem Menschen gar nicht mehr erkennen kann?

 

Dirk: Kokettieren? Es tut mir leid, dass das so rüberkommt. Ich kokettiere doch nicht. Meine Fotografien sind dokumentarische Inszenierungen, die Kamera nur ein Instrument zur Selbstbeobachtung. Ich halte mit Hilfe meiner Fotos, die Markierungen fest, die Aids auf meinem Körper hinterlässt. Hin und wieder braucht ein Motiv den vollen Körpereinsatz um wirken zu können. Das ist kein Kokettieren. Wenn man so will, ist der Körper nur das optisch in Erscheinung tretende Material. Kokettieren, echt?

 

 

Luis: Inzwischen zeigst du sogar dein Gesicht. Seit wann… Und: Wie kommt’s?

 

Dirk: Das sind seltene mutige Anfälle von Selbstbewusstsein, gepaart mit einer Idee, die ich glaube nur umsetzen zu können, indem ich mein Gesicht zeige. Gerne tue ich das nicht, aber ich muss hin und wieder meine eigenen Grenzen überschreiten. Kritiker mokieren häufig, dass ich durch die Maskierungen, HIV und Aids kein Gesicht geben würde. Naja, bei genauem Betrachten kann man mir das nicht vorwerfen.

 

 

Luis: Hast du für die Fotos eine klare Idee, wie sie aussehen sollen, oder entstehen gewisse Bilder ganz spontan?

 

Dirk: Ich fotografiere immer intuitiv. Nur selten habe ich im Vorfeld eine klare Vorstellung wie ein Foto aussehen soll. Oft sitze ich für Stunden im Studio und nichts passiert. Dann fange ich einfach an und experimentiere mit Dingen die ich im Fundus habe. Ich arbeite immer alleine, deshalb bin ich frei für diese Experimente. Wo wir über Ideen sprechen, wir sollten das Foto mit dem Kohlkopf zeigen. Dieses wunderbare Gemüseexemplar wollte Martin, mein Freund, gerade zum Kochen vorbereiten, als ich mich hören sagte: „Moment, den brauche ich mal kurz!“. Das beschreibt ganz gut, wie ich arbeite.

 

 

Luis: Du warst eine Zeit lang der Meinung, dass du lieber nicht an einer deiner Ausstellungen anwesend sein möchtest. Das hat sich inzwischen geändert...

 

Dirk: Ich kann nicht auf Menschen zugehen und ich fange an zu stottern, wenn ich in deren Beisein was erzählen soll. Wenn ich unter Menschen bin, habe ich das Gefühl, ich bin zwar unter ihnen aber ich gehöre nicht dazu. Ich stehe immer außerhalb. Lieber lasse ich meine Fotografien für mich sprechen. Aber mir läuft die Zeit davon, das Leben mit dieser Krankheit wird im Laufe der Jahre nicht einfacher, und ich will wissen, wer diese Leute sind, die sich für meine Fotografien interessieren. Dazu kommt, dass die nächste Ausstellung von der AIDS-Hilfe arrangiert wird. Deren Arbeit ist für mich unbedingt unterstützenswert.

 

 

Luis: Als bekannt wurde, dass die Fotos von einem HIV-positiven Künstler gemacht wurden, hat sich das Interesse an deinen Werken gesteigert. War dies für dich anfänglich nicht ein bisschen surreal?

 

Dirk: Surreal ist das heute noch. Die ersten Jahre habe ich meine Bilder veröffentlicht ohne einen Hinweis auf meine Erkrankung. Das Interesse daran war kaum spürbar, eher noch weniger. Meine Arbeit hat keine Beachtung gefunden. Heute, mit dem bekannten Hintergrund, werden dieselben Fotografien in einem völlig anderen Licht gesehen, auf eine andere Ebene gehoben. Als hätten sie durch das Label Aids plötzlich an Substanz gewonnen.

 

 

Luis: Die Käufer deiner Bilder und die Ausstellungen sind nicht gerade in Europa, stimmts?

 

Dirk: Ja, das stimmt. Besonders in Deutschland, meinem Heimatland, ist man beim Kauf meiner Form der Kunst eher zurückhaltend. Hier hängt man sich lieber ein billiges Poster von Ikea an die Wand, was schon in tausenden weiteren Wohnungen hängt, als die limitierte Fotografie eines Künstlers, der womöglich aus dem eigenen Land kommt. Ich rede nicht nur von meinen Bildern. Ich finde, Künstler müssen im Allgemeinen viel mehr unterstützt werden und das geht am einfachsten, indem man ihre Arbeiten kauft und nicht nur auf Facebook oder Instagram  „liked“.  

 

 

Luis: Welche Pläne stehen für dich in der nächsten Zeit an und... Wie wär es eigentlich mit einer farbigen Foto-Serie?

 

Dirk: Nein, bitte keine Farbfotos. Ich möchte mich stärker mit dem Medium Video befassen. Letztes Jahr habe ich ein Musikvideo für den US-Künstler Rian Adkinson entworfen. Das war Neuland für mich. Aber als die Anfrage kam, habe ich spontan zugesagt. Ich mag es, neue Dinge auszuprobieren und ich springe dafür gerne mit beiden Füßen voran ins Ungewisse. Gerade bin ich in einer Video-Experimentierphase. Mich reizt enorm die Vorstellung, einen Kurzfilm zu drehen, der eine bewegte Version meiner Art der Fotografie ist. Und ich will unbedingt das nächste Plattencover für Barry Gibb fotografieren, aber das weiß er noch nicht.

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